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Alles nur geklaut?

    Paul Simon und Paul Gerhard haben neben dem Vornamen noch etwas gemeinsam: eine Melodie, die sie in ihren Werken verwendet haben. Doch keiner der beiden hat sie erfunden, denn der ursprüngliche Text geht in eine ganz andere Richtung. Von Timo Benß

    Am 9. April 1970 sitzt Paul Simon mit seiner Gitarre in der „Dick Cavett Show“, die im amerikanischen Late-Night-Fernsehen läuft. Dort erklärt er die Entstehungsgeschichte des Hits „Bridge over Troubled Water“, das er mit seinem Duo Simon and Garfunkel im selben Jahr veröffentlichte. Ein Bach-Choral habe ihn inspiriert. Simon nimmt die Gitarre in die Hand uns stimmt den Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ an. Danach singt er die erste Strophe von „Bridge over Troubled Water“. Die Melodie ist ähnlich, aber anders – doch die Harmonien hat Simon fast vollständig übernommen. 

    Drei Jahr später scheint Simon die Melodie immer noch nicht aus dem Ohr gegangen zu sein, denn da veröffentlichte er – diesmal ohne Garfunkel – seinen Song „American Tune“. Diesmal übernahm er nicht nur die Akkorde, sondern gleich die ganze Melodie von Bach. Aber war Bach überhaupt der Urheber?

    Am Karfreitag 1727 steht Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig am Dirigentenpult und führt erstmals seine heute weltberühmte Matthäuspassion auf. Damit führt er auch ein Kirchenlied zu neuem Ruhm, das ohne ihn wahrscheinlich in Vergessenheit geraten wäre: „O Haupt voll Blut und Wunden“ . Denn: Auch Bach hat es nicht erfunden. Es stammt von Paul Gerhard, der den Text 1656 – dem letzten Jahr seiner Amtszeit als Probst in Mittenwalde – aus dem Lateinischen Hymnus „Salve caput cruentatum“ übersetzt hat. Noch heute finden wir es im Evangelischen Gesangbuch (EG 85):

    O Haupt voll Blut und Wunden,
    voll Schmerz und voller Hohn,
    o Haupt, zum Spott gebunden
    mit einer Dornenkron,
    o Haupt, sonst schön gezieret[4]
    mit höchster Ehr und Zier,
    jetzt aber hoch schimpfieret:[5]
    gegrüßet seist du mir!

    Doch die Melodie hat Paul Gerhard nicht erfunden. Diese stand zu seiner Zeit schon in einem Gesangbuch (Harmoniae sacrae von 1613) und hatte den Text „Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End“. Geschrieben hatte es der Theologe Christoph Knoll, der es mit „geistliches Sterbelied“ überschrieb. Der Choral ist in der Zeit der Pest entstanden, was man auch dem Text anmerkt:

    Herzlich tut mich verlangen
    nach einem selgen End,
    weil ich hier bin umfangen
    mit Trübsal und Elend.
    Ich hab Lust abzuscheiden
    von dieser argen Welt,
    sehn mich nach ewgen Freuden:
    o Jesu, komm nur bald.

    Vielleicht ahnen Sie es schon: Auch Knoll hat die Melodie nicht erfunden. Ursprünglich war sie einem weltlichen Lied von Hans Leo Haßler zuzuordnen, der es im 16. Jahrhundert schrieb. Ein genaues Entstehungsjahr kennt man nicht. Der Text von „Mein Gmüth ist mir verwirret“ hat nichts mit der Passion zu tun, denn es geht um eine Liebesgeschichte:

    Mein Gmüth ist mir verwirret,
    das macht ein Jungfrau zart,
    bin ganz und gar verirret,
    mein Herz das kränckt sich hart,
    hab tag und nacht kein Ruh,
    führ allzeit grosse klag,
    thu stets seufftzen und weinen,
    in trauren schier verzag.

    Doch zurück zu Bach – denn der hat die Melodie nicht nur für seine Matthäuspassion verwendet. Berühmt wurde sie auch durch das Weihnachtsoratorium, das am ersten Weihnachtsfeiertag 1734 uraufgeführt wurde. Hier heißt es:

    Wie soll ich dich empfangen
    und wie begegn ich dir,
    o aller Welt Verlangen,
    o meiner Seelen Zier?
    O Jesu, Jesu, setze
    mir selbst die Fackel bei,
    damit, was dich ergötze,
    mir kund und wissend sei.

    Den Text dieses Adventsliedes, den Paul Gerhard geschrieben hat, haben wir auch heute noch im Gesangbuch (EG 11). Doch wir kennen es mit einer anderen Melodie, nämlich mit der von Johann Crüger. Es erschien 1653 in der fünften Auflage des Gesangbuchs Praxis Pietatis.

    Welche Melodie finden Sie schöner für dieses Adventslied: Die von Hans Leo Haßler oder die von Johann Crüger? Schreiben Sie uns unter musik@kirche-bockenheim.de!